FASHION-PROFIS UNTER SICH

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Starting House Berlin: H&M-Mitarbeiter treffen Jungdesigner

Im Januar zogen vier junge Designer aus Berlin und München das große Los: Im Rahmen der Berlin Fashion Week kürte sie eine Jury zu Gewinnern des Fellowship Programme des Fashion Council Germany und H&M. Nach fast einem Jahr Förderung war es an der Zeit, im Starting House Bilanz zu ziehen. Umringt von neugierigen H&M-Mitarbeitern, die aus ganz Deutschland angereist waren, berichteten die Teilnehmer von ihren Erlebnissen und präsentierten Teile ihrer Kollektionen. Wer ganz viel Glück hatte, konnte am Ende des Abends mit einem dieser Unikate nach Hause fahren: Zu Gunsten von UNICEF wurden die Stücke verlost. Das Geld soll Flüchtlingskindern aus Syrien helfen, ihr Recht auf Bildung wahrzunehmen. Am Ende kamen 1.000 Euro dafür zusammen.

H&M_FashionSchool_120 Die Jungdesigner mit den Gewinnern der Verlosung.

 

Berlin, Hackesche Höfe, 30. November 2017, 17 Uhr: Aufmerksam wandert Lena Bremers Blick durch den hell erleuchteten Raum, noch einmal prüft sie, ob die Kreationen der Nachwuchsdesigner perfekt im Spotlight strahlen. Lena fühlt sich dafür verantwortlich, dass die Arbeit der Gewinner ins rechte Licht gesetzt wird. Schließlich ist die Projektmanagerin aus der Human Resources-Abteilung von H&M Dreh- und Angelpunkt des Programms. Sie schleust die Designer durch die Fördermodule, die sie selbst mit konzipiert hat. „Wir wollen den jungen Marken helfen, sich am Modemarkt zu behaupten. Und wir wollen sie dabei unterstützen, als Menschen weiter zu wachsen.“

H&M_FashionSchool_76Was wurde bisher erlebt? Lena Bremer berichtet.

Nach und nach treffen die Designer ein, begrüßen einander und auch Lena so herzlich wie gute Freunde. Alle scheinen im ersten Jahr ihrer Förderung zusammengewachsen zu sein und dennoch sind alle so unterschiedlich wie ihre Kreationen, die sie mitgebracht haben, um den H&M-Mitarbeitern einen Eindruck von ihrer Arbeit zu vermitteln.

Diese Namen muss man sich merken

Anna Heinrichs von Horror Vacui veränderte mit ihrer Idee die deutsche Modewelt: Die studierte Juristin hat den Pyjama neu erfunden und ihn aus dem Bett auf die roten Teppiche und in den Fashion-Alltag geholt. Zuvor hatte die Münchnerin vergeblich nach einem klassisch-schönen Pyjama gesucht – und sich kurzerhand selbst einen geschneidert. Horror Vacui, die Angst vor der Leere, verspürt Anna nicht. Ihr Pyjama-Look, exzellent verarbeitet bis ins kleinste Detail, verbindet vielmehr neue Farbkonzepte und moderne Prints, luxuriöse Stoffe und passgenaue Schnitte zu einem charmanten, frischen, lässigen Stil.

William Fan greift in seinen Kreationen auf Inspiration aus zwei Kulturen zurück, seine Mode hebt sich hervor durch ihren Stilmix aus asiatischen und europäischen Elementen. Gleichzeitig passen die Entwürfe des Berliner Designers in keine Schublade: Sie überzeugen durch Detailtiefe und unkonventionelle Schnitte, sind experimentell, zeitlos und funktionell. William will mit seiner Mode Geschichten erzählen und eine neue Welt erschaffen, in der eingefahrene Kategorien wie die von Mann und Frau aufgehoben werden.

Sebastian Kaiser von Boulezar steht mit seinem Label für Comfy Couture: Bequem, gemütlich und doch luxuriös sollen seine Kreationen sein, gefertigt aus feinsten Materialien und ausschließlich „Made in Germany“. Die perfekte Symbiose aus Qualität, Design, Funktionalität und unaufdringlichem Stil begeisterte nicht nur die jungen H&M-Mitarbeiter; auch der US-amerikanische Schauspieler Samuel L. Jackson zählt zu den Fans von Boulezar. Im Flugzeug entstand Sebastians Idee, Mode zu kreieren, in der man gemütlich reisen und schlafen kann, in der man aber zugleich in jeder Situation gut gekleidet ist.

Tim Labenda strahlt wie seine Kreationen eine natürliche Gelassenheit aus. Er spielt mit Wolle, Fell, verschiedenen Schnitten und Strukturen, legt besonderen Wert auf Nachhaltigkeit und lokale Produktion. Inspiration holt sich der Wahlberliner aus den Büchern seiner Kinderheit. Ein Mode-Märchen wurde auch für ihn selbst wahr: Bei der Sitzung, auf der die Gewinner des Fellowship Programme gekürt wurden, engagierte ihn Jurymitglied Angela Missoni vom Fleck weg als Kreativberater für den Chefdesigner ihres weltbekannten Labels, so sehr begeisterten sie seine Entwürfe.

Inna Stein und Caroline Rohner von STEINROHNER kamen nachträglich ins Programm. Selbstbewusst und jugendlich, feinfühlig und entschlossen wirkt ihre Modelinie. Die Kreationen des Duos begründen zwischen Mode und Kunst einen unkonventionellen Stil, eine neue Schnittstelle von Houte Couture und Tragbarkeit. Beim Studium haben sie sich kennengelernt und schnell gemerkt, dass sie als Designerinnen zusammengehören. Wie ihre Ideen entstehen? „Wir legen erstmal leise los, werfen uns die Gedanken immer schneller zu, bis am Ende alles explodiert.“

„Jungdesigner haben es nicht leicht – wir schaffen das!“

18 Uhr, das Event beginnt. Anne Wolthaus, Starting House Managerin, interviewt die Gewinner in lockerer Runde. Nachwuchsdesigner haben es nicht leicht. Die Konkurrenz ist groß, es ist schwer, auf sich aufmerksam zu machen. Auch weil es mehr braucht als Kreativität, um erfolgreich zu sein. Aus Deutschland heraus wachsen, das wollen sie alle. „Wir schaffen das auch!“, ruft William entschlossen. Nur über das Wie sind sie noch nicht ganz im Klaren. „Im Studium waren wir auf kreative Prozesse fokussiert. Wir haben aber kaum etwas über Business, Finanzierung und Vertriebswege gelernt“, erzählt Caroline. „Es gibt so viele Bereiche, in denen wir noch im Dunkeln tappen. H&M kennt die Modewelt und kann uns helfen, unsere eigene Marke aufzubauen“, ergänzt Inna.

H&M_FashionSchool_95Caroline, Inna, Anna und Sebastian bei der Interviewrunde.

„Wir möchten Menschen wachsen lassen.“

Hier einer der größten Modekonzerne der Welt – dort Jungdesigner, die ganz am Anfang sind. Der Unterschied könnte kaum größer wirken. Aber: „Wir haben mehr mit den jungen Talenten gemein, als man auf den ersten Blick vermuten würde“, betont Angela Gallenz, Leiterin der deutschen Human Resources-Abteilung. Auch die Erfolgsstory von H&M begann vor 70 Jahren da, wo die fünf Gewinner heute stehen. Mit einer Vision – und vielen Fragen. Wie bringe ich mein Unternehmen zum Laufen? Wie kann ich es wachsen lassen? Dass aus dem Modeladen, den Erling Persson 1946 in der Kleinstadt Västerås eröffnete, einmal ein Imperium werden würde, konnte der Schwede damals nicht wissen. Sein Unternehmergeist ist bis heute einer der Werte von H&M, an denen sich der Konzern noch immer ausrichtet. „Egal, ob man einen, drei oder 160.000 Mitarbeiter hat: Ein Unternehmen wächst nur so schnell wie die Menschen, die hinter ihm stehen.“

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Angela Gallenz, HR Manager H&M Deutschland, begrüßt das Publikum.

Hinter den Kulissen eines Global Player

Zwei Jahre lang werden die Jungdesigner in ihrem eigenen Wachstum unterstützt. H&M und der Fashion Council vermitteln Kontakte zu Experten, Einkäufern und Medienvertretern. Auch der Blick hinter die Kulissen soll den Teilnehmern weiterhelfen. Im Buying und Design Office in Stockholm erlebten William, Anna, Sebastian und Tim im Frühjahr und Sommer, wie ein Fashion-Gigant Trends aufspürt, Kollektionen aufbaut, Farben und Materialien auswählt. Im Herbst besuchten alle Gewinner Produktionsstätten von H&M in Kambodscha, stets begleitet von Lena.„Mich hat beeindruckt, wie alle Abläufe bis ins allerletzte Detail geplant und durchdacht sind“, berichtet Sebastian. Die hohen Anforderungen haben auch Inna nachhaltig beeinflusst: „Es geht um so viel mehr, als um das bloße Nähen. Caroline und ich haben gelernt, worauf wir bei unserer eigenen Produktion noch mehr achten müssen.“ Vor allem das Thema Nachhaltigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die komplette Produktionskette. Ein Wert, der Lena besonders am Herzen liegt: „Vor Ort konnte ich mich selbst überzeugen, dass wir unsere Nachhaltigkeitsziele leben und umsetzen – bei allem, was wir tun. Das hat mich unglaublich stolz gemacht.“

Plötzlich Chef – wie geht das?

Um Werte drehte sich auch alles im Modul Self Discovery & Leadership, das Anna am meisten überraschte. „Wir haben am Anfang erst einmal intensiv über unsere Visionen und Ziele als Unternehmer nachgedacht.“ Für die Designer war es zudem wertvoll, Büro- und Personalabläufe kennenzulernen. „Morgen fängt mein erster festangestellter Mitarbeiter an“, erzählt William. „An die neue Rolle als Arbeitgeber musste ich mich erst herantasten.“ Wie führt man ein Bewerbungsgespräch? Wie findet man einen Mitarbeiter, der zu einem passt? Hilfreiche Tipps erhielt William von Lena sowie von Angela, Birgit und Alex, die den Gewinnern als H&M-Mentorinnen jederzeit mit ihrem Know-how zur Seite stehen. „Wenn ich Rat brauche, schreibe ich einfach eine Mail“, freut sich auch Tim.

H&M_FashionSchool_103William, Tim und ihre Mentorinnen Birgit und Alex.

Entrepreneurial spirit zum Mitnehmen

Doch das Programm ist keine Einbahnstraße. Auch H&M lernt viel von den Designern, wie die Fragerunde mit den Mitarbeitern zeigt. „Warum seid ihr Modemacher geworden? Woher kommen eure Ideen? Wie können wir selbst unsere Kreativität stärken?“ Christoph und Steven zeigen sich begeistert vom Get together im Starting House. Beide sind Teilnehmer des 24YOU Programmes von H&M in Kooperation mit der DO School, die gemeinsam mit H&M jungen Menschen helfen will, ihren eigenen Weg zu finden. „Wann schon kommen wir Designern so nahe?“ Patricia, Praktikantin bei H&M in Hamburg, beeindruckt vor allem der Mut der Modemacher. „Ich finde es unglaublich inspirierend, wie sich unsere Gewinner jeden Tag aus ihrer Komfortzone rauswagen, auf ihr Können vertrauen und einfach machen.“

H&M_FashionSchool_136Beim Get together kommt die H&M-Familie den Jungdesignern ganz nah.

 

Die Reise geht weiter

Auch Lena genießt den Abend und das Wiedersehen mit ihren Schützlingen. Im neuen Jahr geht ihr gemeinsamer Weg weiter, ein Weg, bei dem sie sich auch selbst neu kennenlernt. „Was ich in mir trage und in den letzten elf Jahren bei H&M gelernt habe, ist weit mehr als ich dachte. Vieles, das für mich ganz selbstverständlich ist, war für die Teilnehmer neues und wertvolles Wissen.“ Die Reise, sie bleibt für alle spannend.

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Sie haben ein perfektes Event organisiert: Patricia, Julia Giebels, Lena Bremer und Anne Wolthaus.

Text: smart-stories.de

Miriam
Miriam

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