Gemeinsam gegen Aids

Gemeinsam gegen Aids

Wir sprachen mit Frau Kalmbach von der Hamburger Aidshilfe
01 Dez 2017

Jedes Jahr am 1.Dezember wird global der Welt-AIDS-Tag gefeiert und an HIV und AIDS erinnert. Die Gesellschaft wird dazu aufgerufen, aktiv zu werden und Solidarität gegenüber HIV betroffenen Menschen zu zeigen. Heutzutage ist es Menschen trotz der Krankheit möglich, ein normales Leben mit keinerlei Einschränkungen zu führen. H&M nimmt sich jedes Jahr die Zeit, diesen wichtigen Anlass gemeinsam mit KollegInnen zu thematisieren. In den letzten Jahren fanden in unserem Unternehmen zahlreiche Workshops und Zusammentreffen statt.

Im Rahmen des diesjährigen Welt-AIDS-Tags haben wir mit Gabriele Kalmbach, Dipl.-Sozialpädagogin in der Hamburger AIDS-Hilfe ein Interview geführt. Frau Kalmbach begleitet und unterstützt uns schon über einige Jahre an diesem Tag, um über das Thema HIV und AIDS erneut zu informieren und in diesem Kontext vielleicht Unwissen in Wissen zu wandeln. Das Interview wurde im Rahmen eines Telefonates durchgeführt und später von uns zusammengefasst.

Welchen Herausforderungen müssen sich HIV-Positive tagtäglich in ihrem Leben und an ihrem Arbeitsplatz stellen?

Gabriele Kalmbach: Das variiert je nach der Person selbst. Natürlich sind Angst und Hilflosigkeit am Anfang bei jedem ein Thema, aber wie die Menschen mit der Krankheit umgehen ist individuell. Man muss sich mit Fragen auseinander setzen, die vorher keine so große Rolle gespielt haben: Wie erzähle ich es meinem Umfeld, wie gehe ich an meinem Arbeitsplatz damit um, wie reagieren meine Vorgesetzten und meine KollegInnen. Wie gehe ich mit der Angst der KollegInnen um und wie trete ich möglicher Diskriminierung entgegen? Diese Fragen haben ab dann eine viel größere Bedeutung. Es stehen also weniger die körperlichen Beschwerden im Vordergrund, es sind die psychischen Belastungen durch soziale Ausgrenzung, Vorurteile und Diskriminierung, mit denen sich HIV-Positive heute auseinander setzen müssen.

In welchen Bereichen müssen sich Arbeitgeber verbessern und was sind die Herausforderungen in Ihrer Arbeit mit Unternehmen?

Gabriele Kalmbach: Viele Unternehmen stellen sich dem Thema erst gar nicht, entweder sie denken es gibt keine betroffenen KollegInnen und sie sehen daher keine Notwendigkeit oder sie fürchten sich, den Bereich Sex und Ansteckung zu thematisieren – das empfinde ich als sehr schade. Vorerst ist es wichtig zu wissen, welches Ausmaß die Krankheit in Deutschland hat. Ca. jede 1000. ArbeitnehmerIn ist HIV-positiv, das bedeutet, dass in jedem Unternehmen mindestens eine Person betroffen ist. Es sollte eigentlich die Aufgabe jede ArbeitgeberIn sein, sich selbst, aber auch die ArbeitnehmerInnen über die Krankheit zu informieren und aufzuklären. Viele Unternehmen beschäftigen sich erst dann mit dem Thema, wenn jemand von ihnen betroffen ist und sich outet. Solange die ArbeitgeberIn nicht auf uns zukommt, bleibt daher das Unwissen in den Firmen bestehen. Deshalb gehe ich aktiv auf die Unternehmen zu und biete ihnen Schulungen dazu an.

In den 1980er Jahren kam die Krankheit das erste Mal ans Licht der Öffentlichkeit. Hat sich aus Ihrer Sicht etwas an den Vorurteilen in unserer Gesellschaft geändert?

Gabriele Kalmbach: Einen großen Faktor spielten damals, aber auch heute, unsere Medien. Sie schürten sehr viel Angst und stigmatisierten von Anfang an die sogenannten Randgruppen unserer Gesellschaft. Homosexuelle, Prostituierte und Drogenabhängige waren laut der Medien die Übeltäter. Das Problem dabei war, dass nur wenige über HIV und AIDS aufgeklärt waren. So entstanden viele Gerüchte und Vorurteile, die vor allem durch die Medien in unserer Gesellschaft Angst, Unverständnis und Ignoranz gegenüber HIV-Positiven verbreiteten. Heutzutage sind diese alten Vorstellungen teilweise noch immer in den Köpfen der Gesellschaft verankert. Der Normalbürger setzt sich nicht mit dem Thema auseinander. Einen kleinen Wandel haben wir jedoch bemerkt: die jüngere Gesellschaft scheint vorurteilsfreier zu sein, da sie nicht mit den gleichen Ängsten aufgewachsen ist, wie die älteren Generationen. Das bedeutet aber nicht, dass sie aufgeklärter sind. Ein weiterer Grund für das geringe Interesse ist der medizinische Fortschritt. Heute ist HIV sehr gut behandelbar, aber eben immer noch nicht heilbar. Es ist eine chronische Krankheit, bei der die Betroffenen jeden Tag ihr ganzes Leben lang Medikamente einnehmen müssen. Aktuelle Ergebnisse belegen sogar, dass HIV-Positive, die ihre Medikamente erfolgreich einnehmen, nicht mehr ansteckend sind!

Wie gehen Sie bei der Aufklärung in der Öffentlichkeit vor?

Gabriele Kalmbach: Leider, wie in allen Themen, ist dies auch eine Kostenfrage. Uns sind oftmals die Hände gebunden und wir können das Thema nicht so verbreiten, wie wir es uns vorstellen. Da es nur wenig Menschen in Deutschland betrifft und HIV inzwischen gut behandelbar ist, sieht man die Aufklärung nicht mehr als große Notwendigkeit an. Wir tun jedoch alles, was möglich ist. Intern verschicken wir an Praxen Broschüren, bieten in Firmen Weiterbildungsseminare und auch an Schulen Aufklärungsstunden an. Leider sind wir hier überall von der Eigeninitiative der Menschen abhängig, da dies z.B. in den Schulen kein Pflichtthema ist. Trauriger Weise lässt das Interesse der Aufklärung dauerhaft nach und die Medien und Öffentlichkeit sehen kein Bedarf mehr an der Aufklärung.

Was können wir selbst tun?

Gabriele Kalmbach: Man kann sich heutzutage an so vielen Orten Informationen beschaffen und sich über HIV und AIDS aufklären lassen, Gespräche mit Betroffenen suchen und sich zusammen mit seinem Umfeld mit dem Thema auseinandersetzen. Denn Neuinfektionen entstehen vor allem durch die Menschen, die nichts von ihrer Infektion wissen, und betroffen von dem Thema sind im Grunde alle, die ungeschützten Geschlechtsverkehr haben. Nur durch eine offene und ausführliche Aufklärung unserer Gesellschaft können wir Neuinfektionen vermindern. H&M leistet im Bereich Aufklärung einen großen Beitrag und ist eins von wenigen Unternehmen, das sich das Thema jedes Jahr zu Herzen nimmt und alle KollegInnen über HIV aufklärt – vielen Dank dafür.

Wir bedanken uns herzlich für das Interview und freuen uns auf weitere Jahre der Zusammenarbeit mit Frau Kalmbach.

Patricia Grill

Teilen